Urs Moser

In der Waschküche wird mit dem Chemiekasten experimentiert

Manche Erbanlage bricht sich ja erst in der zweiten oder dritten Generation Bahn und so vermutet Urs Moser, dass er sein Talent und seine Begabung für die Technik, speziell für die Elektronik, von seinem Grossvater geerbt haben muss. Seit den Kindertagen wird gebastelt: da wird die Modelleisenbahn mit einfachen Mitteln automatisiert, in der Waschküche mit dem Chemiekasten experimentiert und schon ganz früh kristallisiert sich das spezielle Interesse für die Elektronik heraus.

Bereits in der Primarschule wird so lange getüftelt, bis ein funktionierendes Kurzwellen-Radio - damals noch mit Röhren - auf dem Tisch steht. Im Verlauf der Sekundarschule zeichnen sich die Interessenschwerpunkte Urs Mosers immer deutlicher ab: Definitiv fasziniert ihn die Technik und dabei besonders die Elektronik. Ausserdem begeistert er sich für die Fächer Biologie und Chemie. An diesen Interessenschwerpunkten ändert sich auch nichts während seiner Schulzeit am mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium in Winterthur. Der Gymnasiast nimmt auch einmal an dem Wettbewerb "Schweizer Jugend forscht" teil. Das Projekt, das er einreicht und für das er nur wenig Zeit investieren kann, ist der Entwurf einer Maschine, die der Texterkennung dient. Auch wenn er keinen Preis gewinnt, so attestieren ihm die Juroren, mit seinem Projekt eine komplexe Aufgabe der Mustererkennung in Angriff genommen zu haben.

1975 schliesst Urs Moser das Winterthurer Gymnasium mit der C-Matura ab. Jetzt folgt der Militärdienst und der Maturant entscheidet sich für die sukzessive Variante der Militärdienstableistung. Er immatrikuliert sich an der ETH Zürich und leistet den Militärdienst in semesterferienlangen Etappen ab. Auch beim Militär lässt ihn die Elektronik nicht los. Dass er zu den Lenkwaffen im Tösstal bei Winterthur eingeteilt wird, entpuppt sich als Glücksfall, denn die Ausbildung am Radargerät ist spannend. Die zahlreichen Kollegen haben ähnliche Interessen, vom Tösstal aus kann man weit schauen und Urs Moser lernt wichtige Dinge - auch systemtechnische!

Wohin soll es gehen?

In welchen Fächern immatrikuliert sich Urs Moser? Vor die Wahl gestellt, Mathematik, Physik, Biologie oder Elektronik zu studieren, entscheidet sich der angehende Student für die Elektronik, weil die ihm eine solide Grundlagenausbildung verspricht und seinen Interessen am nächsten kommt. Das Studium dauert neun Semester und der inzwischen 25-jährige schliesst mit dem Dipl. El.-Ing. ETH ab.

Als diplomierter Elektroingenieur nimmt Urs Moser eine sehr wichtige Weichenstellung vor, er merkt nämlich, das sein Interesse an der Biologie und an der Chemie längst nicht erloschen ist, ja im Gegenteil dieses Interesse am Ende des Elektronikstudiums gar neu erwacht ist. Gleichzeitig resümiert er für sich, dass er später im Beruf im Bereich Elektrotechnik Produkte lediglich fortentwickeln und optimieren wird, nicht aber Neuland betreten kann, um etwas Neues zu entdecken und innovative, bis dahin nicht da gewesene Produkte zu schaffen. Wo aber findet er einen Studiengang, der ihm einen Weg in diese kreative Richtung eröffnet, wo er interdisziplinär mit den Bereichen Medizin, Biologie und z.B. Bildverarbeitung forschen kann?

 

Ausgezeichnet mit der ETH-Medaille

Im Jahr 1980 klopft er an der Tür des Instituts für Biomedizinische Technik und Medizinische Informatik bei Professor Dr. Max Anliker an, trägt sein Anliegen vor und wird aufgrund seines guten Diploms sofort als Doktorand und Assistent aufgenommen. Urs Moser forscht im Bereich Ultraschall: er will Neues konzipieren und umsetzen, er will neue Geräte bauen und an Probanden testen.

Ende 1988 schliesst er an der ETH mit seiner Dissertation zum Thema "Inhärente Grenzen von Ultraschall-Blutflussmessverfahren" ab - und seine Arbeit ragt so hervor, dass er dafür mit der ETH-Medaille ausgezeichnet wird.

Urs Moser bleibt in der Forschung und damit am Institut für Biomedizinische Technik der ETH. Er wird Oberassistent bei Professor Max Anliker und bekommt drei Doktoranden zugeteilt, mit denen er gemeinsam auf dem Feld der Ultraschall-Blutflussmessung forscht. Zusätzlich übernimmt er ab 1990 einen Lehrauftrag für Biomedizinische Technik, bei dem er vor allem Elektrophysiologie und medizinische Ultraschalldiagnostik liest. In den folgenden Jahren nimmt Urs Moser ausserdem an zahlreichen internationalen Konferenzen in Europa, Asien und den USA teil.

 

"Autofahren macht mir Spass, auch wenn man das heute gar nicht mehr sagen darf!"

Auch zu ferner gelegenen Konferenzorten fährt er gelegentlich mit dem Auto, denn er ist passionierter Autofahrer - "Autofahren macht mir Spass, auch wenn man das heute gar nicht mehr sagen darf!" So fährt er beispielsweise in der Zeit nach dem Mauerfall mit seiner deutschen Frau zu einer Konferenz nach Warschau. Gut erinnert er sich an die Eindrücke dieser Reise, die man so eben nur bei einer Autofahrt gewinnt, auch wenn die beiden auf den damals noch ostblockmässigen Überlandstrassen kräftig durchgerüttelt wurden.

Im Jahr 1997 überredet ihn ein ehemaliger Kommilitone, als Projekt- und Gruppenleiter Medizintechnik in der Winterthurer Firma Sulzer Innotec einzusteigen. Tatsächlich bleibt Urs Moser mit einem Bein in der Universität, arbeitet aber zu 60 % bei Sulzer Innotec. Leider zeichnet sich schon seit 1998 ab, dass die Sparte Medizintechnik bei Sulzer Innotec wirtschaftlich unter keinem guten Stern steht; trotzdem investiert die Firma weiter in seine Projekte. Es folgt ein firmeninterner Umbau und schliesslich wird bei Sulzer Innotec der gesamte Bereich Medizintechnik heruntergefahren.

In dieser Situation entwickelt Urs Moser mehrere neue medizintechnische Geräte, die auf dem Einsatz von Ultraschall basieren. Unter anderem entwickelt der Ingenieur ein stereoskopisches Ultraschallgerät, das die Risiken bei minimalinvasiven Herzbehandlungen wesentlich reduzieren kann. Bis dato ist der Chirurg auf zweidimensionale (genauer: biplanare) Röntgenaufnahmen des Herzens angewiesen, um z.B. mit dem Katheder zum gewünschten Ort im Herzen zu gelangen.

 

Ein unangenehmer aber sich lohnender Selbstversuch

Ausserdem geben Röntgenaufnahmen die Weichteile nur mit sehr schlechtem Kontrast wider, so dass an das Geschick und die Erfahrung des operierenden Chirurgen höchste Ansprüche gestellt werden. Urs Moser realisiert mit seinem Team ein Ultraschallgerät, das in Echtzeit einen dreidimensionalen Einblick ins Herz gewährt und damit die Arbeit des Chirurgen enorm vereinfacht. Urs Moser testet das Gerät zunächst einmal im Selbstversuch. Dafür muss er sich eine sogenannte Ösophagus-Sonde, die zirka zehn Zentimeter lang ist und einen Durchmesser von fünfzehn Millimetern aufweist, in die Speiseröhre einführen, ähnlich wie bei einer Gastroskopie. Wie sich jeder Leser mit Leichtigkeit vorstellen kann, ist dieser Selbstversuch nicht unbedingt angenehm, aber das Experiment lohnt sich:

 

Die Sonde funktioniert und liefert dreidimensionale Bilder des pochenden Ingenieurherzens in Echtzeit.

Obwohl bei Sulzer Innotec inzwischen die medizintechnischen Projekte sozusagen gestorben sind, nehmen Urs Moser und sein Team mit ihrem innovativen Produkt "3-D-Echtzeit-Herzabbildung" am Swiss Technology Award teilt und präsentieren es als eines der zehn besten Teams auf der Hannover Messe 2003.

 

Die Knochendichte als nächste Herausforderung

Urs Moser bleibt bei Sulzer Innotec bis 2006 als Experte für Medizintechnik angestellt. Neben dem oben bereits beschriebenen Projekt beschäftigt er sich mit seinem Team mit der Abbildung von Knochenoberflächen mittels Ultraschall: Über internationale Kontakte ist nämlich eine Zusammenarbeit mit einer Gruppe der Klinik für Diagnostische Radiologie am Universitätsklinikum Schleswig Holstein Campus Kiel sowie einer Gruppe von der Université Pierre et Marie Curie in Paris zu Stande gekommen. Die Gruppe in Kiel forscht an der Knochendichte mittels Ultraschall mit dem Ziel, direkt am Oberschenkelhalsknochen, dem Ort der häufigsten Frakturen, messen zu können. Die Knochendichte kann mittels Ultraschall zwar schon länger am Fersenbein gemessen werden, doch ist das Auffinden des richtigen Messortes aus anatomischen Gründen beim Schenkelhals sehr viel schwieriger. Im Rahmen eines EU-Projektes wird ein Verfahren entwickelt, mit dem die Knochenoberfläche dreidimensional abgebildet und anhand charakteristischer Merkmale die Lage des Knochens bestimmt werden kann. So können bei Wiederholung der Messung auch nach mehreren Monaten dieselbe Stelle lokalisiert und Veränderungen der Knochendichte bestimmt werden, so dass der Fortschritt der Osteoporose bzw. die Wirksamkeit einer Therapie verfolgt werden kann.

 

Ab 2006 ist Urs Moser wieder Oberassistent am Institut für Biomedizinische Technik an der ETH. Gleichzeitig ist er freiberuflich tätig. Für eine kleine Firma entwickelt er ein handliches Ultraschall-Blutflussmessgerät. Ein Investor schlägt ihm zudem vor, als Berater in ein Start-up-Unternehmen einzusteigen, das ophthalmologische Geräte (also Geräte für die Augenheilkunde) entwickelt. Auch hier geht es um neuartige Messverfahren - diesmal aber mit Licht statt mit Ultraschallwellen.

 

Seit Anfang 2009 an der NTB!

Im Laufe des Jahres 2008 bewirbt sich Urs Moser auf eine Stelle als Dozent an der NTB, wobei sowohl für das Start-up als auch für die NTB seine Lehrtätigkeit Vorteile bringt, nämlich in Hinblick auf künftige KTI-Projekte und in Hinblick auf die Rekrutierung künftiger Ingenieure. Seit Anfang Januar 2009 ist der Forscher als Dozent für biomedizinische Technik an der NTB angestellt. Seit November betreut er eine Bachelor-Arbeit und mit Beginn des Frühlingssemesters wird er Vorlesungen und Übungen anbieten. Gerne zeigt er seinen Besuchern die beiden Labors des geplanten Instituts für Biomedizinische Technik: ein schwere Aufgabe wartet da allerdings noch auf ihn, denn bisher steht nach dem kürzlich erfolgten Umzug das gesamte Inventar der Labors noch auf Boden und Tischen verteilt und alles muss erst noch eingerichtet werden. Er freut sich über sein an die Labors angrenzendes Büro und über die wunderbare Aussicht. Und ihm gefällt die Übersichtlichkeit der Hochschule und die angenehme Atmosphäre.

Den Ausgleich zu seinen vielen beruflichen Aufgaben findet Urs Moser in diversen Aktivitäten. Er kümmert sich um Haus und Garten und gern verreist er mit seiner Frau, wobei er sowohl innereuropäische Ziele wie Griechenland und Spanien schätzt, als auch Fernziele wie die USA oder Asien. Ganz vorne rangiert für den sportiven Urs Moser das sonntägliche Bergwandern sommers wie winters, wobei auch öfters die Churfirsten das Ziel sind, er aber auch in der Innerschweiz wandert. Und wenn es im Winter mal zu kalt ist, dann weicht er auch ins Tessin aus. Seine Wanderungen dauern im Schnitt vier bis sechs Stunden und er kommt da schon in Höhen von über 2300 Metern. Ausserdem trainiert er pro Woche einmal auf dem Vita-Parcours, und wenn er dafür mal keine Gelegenheit findet, dann läuft er rasch den Zürichberg hinauf, denn dort in der Nähe lebt er auch gemeinsam mit seiner Frau. Als Berufspendler nutzt er meistens die Bahn, aber nicht ausschliesslich, denn als passionierter Autofahrer macht es ihm eben auch Spass, ab und zu mit dem PKW nach Buchs zu fahren!