Vinzenzo Parisi

Der Mann hat Kraft, der Mann spricht fliessend Neapolitanisch, er kann kochen und begeistert sich für die antike Mythologie. Die Eltern von Vincenzo Parisi stammen aus dem kleinen Dörfchen Bellona in der Provinz Caserta, wenige Kilometer entfernt von Neapel und seinen touristischen Attraktionen.

Auf in die Schweiz!

Anfang der 1960er Jahre brechen seine Eltern gemeinsam mit mehreren anderen Dorfbewohnern auf, um in der Schweiz eine Arbeit aufzunehmen. Vincenzo Parisis Eltern siedeln sich in St. Gallen an und beide Elternteile gehen hier arbeiten.  Ende der 1960er Jahre wird Vincenzo Parisi geboren und kennt keine Integrationsprobleme. Weil die Eltern arbeiten, besucht er die Primarschule in den ersten beiden Jahren in Neudorf, wo er bei einer Tante wohnen kann. Dann, ab dem dritten Jahr, wechselt er die Schule und besucht die Primarschule in Hebel. Er wird, wie er lachend erzählt, ein Schlüsselkind, das seine Freiheiten in St. Georgen geniesst, und vor allem nur Schweizer Freunde hat, mit denen die Nachmittage nach der Schule verbracht werden.

Die logische Folge ist die, dass Vincenzo Parisi zweisprachig aufwächst: zu Hause mit den Eltern und Geschwistern spricht man Neapolitanisch und ausser Haus wird das perfekte Schweizerdeutsch gepflegt. In den Ferien reisen die Parisis zurück in die Heimat, und so lernt Vincenzo Parisi viele der Touristenattraktionen kennen, die heute auf dem Reiseprogramm jedes Süditalienreisenden stehen. Er erklimmt den Vesuv und steigt, umwallt von Schwefeldämpfen, in den Krater hinab, worum man ihn definitiv beneiden kann, denn dieser Trip ist heute nicht mehr möglich wegen der wachsenden Gefahr eines Vulkanausbruchs. Auf den Programmpunkten stehen natürlich auch die Phlegräischen Felder und Pompeji.

Radio- und Fernsehtechniker als erster  Berufswunsch

Ausserdem besucht Vincenzo Parisi in den Ferien auch einmal die Insel Capri - aber nicht die Insel Ischia, gerade einmal eine Stunde mit dem traghetto von Hafen Napolis entfernt. Aber natürlich lebt die Familie Parisi während der vierwöchigen Ferien auch bei der Verwandtschaft in Bellona. Und da gibt es den drei Jahre älteren Cousin Vincenzo Parisis. Dieser Cousin wird bewundert, und zwar deshalb, weil er Radio- und Fernsehtechniker ist und sich in seiner Wohnung eine kleine Werkstatt eingerichtet hat. Der vierzehnjährige Vincenzo Parisi staunt und schaut bei den Reparaturarbeiten zu oder darf sogar selbst schrauben - und das gefällt. Der Berufswunsch wird geboren: Vincenzo Parisi möchte Radio- und Fernsehtechniker werden. In der Zeit von 1982 bis 1985 besucht er die Katholische Kantonsschule in St. Gallen. Die Schule ist streng so formieren sich nach der Pause Zweierreihen und ebenso geht es zurück ins Klassenzimmer! Das Angebot für die Schüler ist abwechslungsreich, insbesondere im Bereich Sport. Natürlich gibt es auch Fussball und Handball und die Schüler nehmen an diversen Meisterschaften teil. Vincenzo Parisi wird begeisterter Fussballspieler, und die Freundschaften, die er in dieser Zeit schliesst, halten bis heute. Obwohl die meisten der Freunde Familie haben, trifft man sich noch heute und bis vor Jahren wurde bei diesen Treffen natürlich Fussball gespielt oder die Freunde gingen gemeinsam Velofahren. In diese Zeit gehört auch, dass Vincenzo Parisis Interesse an der Schaltungstechnik erwacht. Sein Plan ist es, mit vierzehn Jahren eine Lehre zu machen, um anschliessend die HTL zu besuchen.

Interessante Nebenjobs die auch gut schmecken

Der Fünfzehnjährige ist der einzige aus seiner Klasse, der 1985 auf die mathematisch-naturwissenschaftliche Kantonsschule in St. Gallen wechselt.  Und um sich Geld hinzuzuverdienen, arbeitet der Kanti-Schüler in den Ferien beim Tiefbauamt St. Gallen oder bei Maestrani. Beim Tiefbauamt ist er bei der Kerichtabfuhr dabei oder als Strassenkehrer unterwegs und insbesondere im Winter erledigt er mit anderen zusammen die unterschiedlichsten Aufgaben, die dort anfallen: da werden dann z.B. die Begrenzungspfähle entlang der Strassen neu einzementiert.

Auch bei Maestrani ist es interessant und es schmeckt gut - die ersten zwei Tage, und dann reicht es mit den Schockistengeli. Vincenzo Parisi erzählt amüsiert, dass er wie alle anderen auch in der Firma so viel Süssigkeiten essen durfte, wie er wollte - nur durfte er nichts mit nach Hause nehmen. Aber schon nach kurzer Zeit in den ewig süssen Gerüchen, die sich beim abendlichen Waschen der Maschinen mit dem Geruch diverser Reinigungsmittel vermischen, verliert jeder ganz schnell den Spass an den süssen Sachen.

Als Schüler vertrat er seinen Lehrer im Unterricht

Zur Kantonsschulzeit gehört aber auch die Erinnerung, dass ihn sein Mathematiklehrer regelmässig ?ermahnte", er solle nach der Kanti zum Mathestudium an die ETH nach Zürich gehen - Vincenzo Parisi war einer der Besten im Fach Mathematik. Schliesslich ist die Vertrauensbasis zwischen Mathelehrer und Schüler so sehr gefestigt, dass Vincenzo Parisi als achtzehn- oder neunzehnjähriger Schüler den Lehrer vertritt, als dieser für zwei Wochen ausfällt. Vincenzo Parisi darf seine didaktischen Fähigkeiten austesten: er hat die Unterlagen des Lehrers vor sich, steht vor seiner Klasse an der Tafel, entwickelt die Formeln an der Tafel, erklärt und beantwortet die Fragen seiner Mitschüler. Keine Frage: Er nimmt die Maturität mit und kann gleich mit seinem Studium and der ETH beginnen, denn er muss nicht zum Militär. Noch immer ist Vincenzo Parisi italienischer Staatsbürger und als solcher muss er nicht in der Schweiz dienen - aber als ?Exilitaliener" eben auch nicht in Italien. In den Sommerferien, die die Parisis nach wie vor in Süditalien verbringen, genügt ein Besuch bei den Carabinieri, die dem angehenden Studenten ein Dokument abstempeln, das ihn vorübergehend vom Dienst bei der italienischen Armee befreit.

 

Fünf Jahre ETH, dann direkt ins Berufsleben!

So kann sich Vincenzo Parisi 1990 an der ETH immatrikulieren und sofort sein Studium aufnehmen. Er studiert Elektroingenieur mit der Vertiefung in Mess-, Regel- und Steuerungstechnik. Die beiden ersten Jahre an der ETH, die Filterjahre, ?überlebt" er. Er wohnt aus Kostengründen weiter bei den Eltern in St. Gallen und pendelt zwischen den beiden Städten - das ist günstiger, als in Zürich zu wohnen. Und um etwas hinzuzuverdienen, arbeitet er als Instruktor für Krafttraining im Fitness-Studio beim ?Kieser". Nachdem die Filterjahre überstanden sind, muss sich Vinenzo Parisi im Hauptstudium orientieren: Das Projekt ?Schaltungstechnik" stirbt, denn der chinesische ETH-Professor doziert auf Englisch und das schreckt ihn und viele seiner Kommilitonen ab. Jetzt rückt die Mess-, Steuer- und Regelungstechnik ins Zentrum des Interesses. Im Jahr 1995 schliesst Vincenzo Parisi mit dem El. Ing. ETH ab.

Der praxisorientierte Diplomingenieur wählt den direkten Weg ins Berufsleben. 1995 und 1996 findet Vincenzo Parisi bei der Firma Gigatherm AG in Grub eine Anstellung als SW-Entwickler für 8-Bit Microcontroller. Schnell stellt sich heraus, dass er mit ganz anderen Aufgaben betraut wird und er in der Firma zum Mädchen für alles wird: er wartet die Lötmaschine, beschäftigt sich mit dem Leiterplatten-Layout oder repariert akustische Geräte. Deshalb bleibt der junge Ingenieur dort nur ein Jahr und orientiert sich neu. Er heuert 1996 bei der Firma Saurer Sticksysteme AG in Arbon als Softwareentwickler an und wird dort bis 2001 bleiben. Anfangs beschäftigt er sich mit dem CAD für die Stickerei, dann mit der Steuerungsgruppe und schliesslich entwirft er die Software für die Bedienung und Steuerung der Maschinen - und Vincenzo Parisi lernt das Programmieren.

Neben seine beruflichen Tätigkeit bei der Firma Saurer kommen mehrere Lehraufträge am Zentrum für Berufliche Weiterbildung (ZBW) in Winkeln dazu. Speziell der Lehrauftrag in Informatik (C++), den er am ZBW seit dem Jahr 2000 hat, wird für ihn zum Sprungbrett an die Fachhochschule St. Gallen (FHS), denn er arbeitet am ZBW mit dem Skript, mit dem auch an der FHS gearbeitet wird - und das macht ihn zum idealen Kandidaten. Er kommt an der FHS so gut an, dass er 2001 dort als Softwareentwickler und Projektleiter in der Abteilung Informatik festangestellt wird und selbstverständlich bei Saurer kündigt.

Seither ist Vincenzo Parisi in der Fachhochschullandschaft unterwegs, und zwar betreut er diverse KTI- und Forschungsprojekte.

Seit Anfang 2006 ist der Wissenschaftler an der NTB in den Bereichen Systemtechnik, Informatik (C++, Java) und Rechnerarchitektur tätig. Am 1. September 2008 schliesslich wird Vincenzo Parisi Dozent für Systemtechnik am Institut für Entwicklung mechatronischer Systeme an der NTB. Hier ist er seitdem in der Lehre mit sechszehn Lektionen engagiert; ausserdem gehört zu seinem Tätigkeitsfeld die Bearbeitung von KTI-Anträgen. So schnell wie möglich möchte er gerne wieder im Bereich Regelungstechnik arbeiten und sich mit der damit gekoppelten Implementierung mit einem Microcontroller beschäftigen.

Immer eine offene Tür  für die Studenten

Wer Vincenzo Parisi sucht, der findet ihn in der Waldau in St. Gallen. Erst kürzlich hat er dort ein Büro bezogen, das im Erdgeschoss beim Sekretariat liegt. Institut, Büro und Studenten: Alles bestens! Die Stimmung unter den Mitarbeitern des Instituts ist prima, die Studenten sind sehr interessiert und fragen Vincenzo Parisi häufig um Rat - seine Bürotür steht deshalb auch immer sperrangelweit auf, denn er ist jederzeit für die Studenten da.  Über das neue Büro freut sich Vincenzo Parisi wirklich sehr - an der Wand hängen ?Gemälde" seiner Kinder, wobei einer der Zwillinge Grossartiges anfertigt, der andere aber nur ?krakeln" will.

 

Home - sweet - Home

Vincenzo Parisi liebt das Familienleben und seine Kinder bedeuten ihm alles. Er schätzt gemütliche Abende, um vom Alltag gemeinsam mit seiner Frau bei einer Flasche Rotwein abzuspannen. Ausserdem kocht er nicht nur am Wochenende, sondern auch mal unter der Woche, um seine Frau zu entlasten, aber auch ganz einfach deshalb, weil ihm das Kochen Spass macht. Darüber hinaus beschäftigt er sich gern mit der griechischen, römischen und nordischen Mythologie - da liest er schon einmal das Nibelungenlied oder die Odyssee in einer Prosafassung. Trotz des Familienlebens ist er dem Sport, der ihn seit der Jugend begleitet, treu geblieben. Zum Sommersportprogramm gehört es dazu, dass er einmal pro Woche zwei Stunden lang mit dem Rennvelo durchs Appenzeller Land rollt. Im Winter geht er mit der Familie Ski fahren oder Schlitteln. Und das ganze Jahr über geht er regelmässig ?kiesern" - er braucht das Krafttraining im Fitness-Studio. Wie gesagt: der Mann hat Kraft!