Schenk Kurt

"Alte Elektroingenieure gibt es nicht"

Seine Geschichte beginnt eigentlich im idyllischen Pohlern, ein paar Kilometer ent­fernt vom Thuner See. Dort absolviert der sechszehnjährige Kurt Schenk zunächst einmal eine vierjäh­rige Lehre zum Elektromonteur, um im Anschluss daran in zwei Kleinbetrieben fünf Jahre lang zu ar­beiten und dabei hauptsächlich mit Hausinstallationen beschäftigt zu sein. Im Laufe dieser insgesamt neun Jahre Arbeit als Handwerker wächst das Unbehagen, ein Leben lang ewig die gleichen Arbeiten erledigen zu müssen, die Routine des Jobs holt ihn ein und ausserdem beobachtet der inzwischen Fünfundzwanzigjährige folgendes: ?Alte Elektromonteure gibt es nicht.? Auch der Gedanke, die Meister­prüfung in der Folge abzulegen, fesselt den jungen Mann nicht.

 

Studium an der Ingenieurschule Burgdorf 

Er entscheidet sich im Jahr 1986, in dem gerade einmal 50 Kilometer von Pohlern entfernten Burg­dorf an der dortigen Ingenieursschule (heute: Berner Fachhochschule für Technik und Informatik) ein Studium aufzunehmen. Kurt Schenk studiert dort die Fachrichtung Energie und Leittechnik, schreibt eine Diplomarbeit über den Solarwechselrichter ISB 500 und schliesst 1989 mit dem Titel El. Ing. HTL ab. Mit Ende zwanzig bleibt der Ingenieur Schenk weiterhin seiner Heimat verbunden und steigt mit dem Diplom in der Tasche aus dem Hochschulbetrieb aus und wendet sich der Berufswelt zu.

 

Photvoltaik, Telecom-Gleichrichter und passive "Snubber-Schaltung"

In Bern, einen Katzensprung von Burgdorf entfernt, arbeitet Kurt Schenk für weitere vier Jahre bis 1993 in der Firma Ascom Energy Systems. Mit seinem Stellenantritt eröffnet er dort den Bereich Photovoltaik, den er in den ersten Monaten allein bearbeitet; das Photovoltaik-Team vergrössert sich in den folgenden zwei Jahren um sieben Mitarbeiter. Die Aktivitäten dieses Bereichs müssen dann aber eingestellt werden, weil Ascom Energy Systems mit dem Arbeitsschwerpunkt Photovoltaik seiner Zeit voraus ist und in den 1980er Jahren mit Unrentabilität und geringen Marktchancen zu kämpfen hat. Nach dem Verlust dieser Sparte bei Ascom Energy Systems beschäftigt sich Kurt Schenk dort mit der Entwicklung von Telecom-Gleichrichtern.Bereits hier wird das kreative Potential des jungen In­genieurs sichtbar, denn hier entwickelt er eine neuartige passive ?Snubber-Schaltung?.

 

Tour d'Europe und Masterstudium am "Caltech"

Inzwischen hat sich der junge Kurt Schenk auf seine Weise die Welt erobert - mit dem Fahrrad lotet er we­nigstens die Grenzen Europas aus. Seine Veloreisen führen ihn ans Nordkap, nach Gibraltar und bis nach Istanbul. Diese Abenteuerlust kommt ihm jetzt zugute, denn sein Chef in der Firma Ascom Energy Systems pflegt Kontakte zum California Institute of Technology (kurz: Caltech) im kalifornischen Pasa­dena. Es ist Kurt Schenks Chef, der ihm empfiehlt, am Caltech ein einjähriges Masterstudium aufzu­nehmen.  Jetzt entscheidet der inzwischen knapp 35-jährige Ingenieur, dieses Angebot nicht auszuschla­gen, denn er weiss, dass sich so eine Chance nicht jeden Tag ergibt: 1993 beginnt er als Teaching Assistent am Caltech, wo die junge Familie (Kurt Schenk ist inzwi­schen verheiratet) ein Leben führt, das sich vom bisher gewohnten Stil völlig unterscheidet. Das junge Paar wohnt in einer Wohnung, die zum Campus gehört. Die foreign students bleiben weitgehend unter sich, nicht etwa aus Angst vor Kontakten, sondern weil der Campus mit speziellen Programmen und einer besonderen Infrastruktur für ausländische Studenten dieses Sozialverhalten begünstigt. Und so kommt es, dass sich zwischen dem jungen Deutschen und anderen foreign students Kontakte nach Südamerika, Europa und Asien ergeben, die bis heute andauern.

 

"take-home-exams"

Auch lernt Kurt Schenk Formen uni­versitären Arbeitens kennen, die er in dieser Form aus der Schweiz nicht kannte. Die studentische Ei­genverantwortlichkeit bei der Arbeit rangiert viel höher als in der Schweiz. Beispielsweise erledigen die graduate students zirka 30 % ihrer Prüfungen in Form von sogenannten take-home-exams: zuvor wird ein honor code unterschrieben, in dem sich jeder verpflichtet, die Prüfungsregeln zu Hause nach dem Öffnen des Couverts, in dem die Prüfungsunterlagen stecken, einzuhalten. Dies und vieles mehr bilden das neue studentische Umfeld, das Kurt Schenk am Caltech betritt. Ausserdem bringt Kurt Schenk als Teaching Assistant auch seine didaktischen Fähigkeiten zum Einsatz, denn er begleitet als Tutor die Laborarbeiten der Studenten verschiedener Vorlesungen.

 

Master-of-Science in Electrical Engineering

Viel wichtiger als diese äusseren Umstände ist es, dass der Burgdorfer Ingenieur an einem Institut ge­landet ist, das seit Beginn der 1970er Jahre bahnbrechende Forschung im Bereich der Leistungselektronik betreibt und sich dabei mit der Umwandlung von elektrischer Energie in andere Formen beschäf­tigt. Natürlich sind 1993 auch andere Forschungsanstalten auf den Zug ?Leistungselektronik? aufge­sprungen ? das Caltech forscht nicht mehr allein. Aber das Caltech verfügt über zwei Pioniere im Be­reich der Leistungselektronik, nämlich die international renommierten Forscher Dr. Slobodan Cuk (sprich: Tschuk) und Dr. Robert David Middlebrook. Der 1948 geborene Slobodan Cuk, ein Serbe, der in Belgrad sein Ingenieursstudium absolviert hat und anschliessend nach mehreren Stationen am Cal­tech angekommen ist, gilt als Spezialist im Bereich Leistungselektronik, er ist auch der Erfinder des sogenannten CUKonverters. Cuks Kollege, der mittlerweile emeritierte Profes­sor Robert David Middlebrook, gilt als derjenige, der die Leistungselektronik aus ihren empirischen An­fängen herausführte und Modelle entwickelte, die leistungselektronische Schaltungen mathematisch beschreibbar machten. Zur Analyse und zum Verständnis sind diese Modelle heute nicht mehr wegzudenken. Die beiden Forscher werden Kurt Schenks wissenschaftliche Begleiter: 1994 schliesst er mit dem M.S. in Electrical Engineering am Caltech ab.

 

Vierjährige Promotionsphase und Fachkonferenzen

Eigentlich wäre jetzt an eine Rückkehr in die Schweiz zu denken, aber der frisch gebackene Master-of-Science-Inhaber entscheidet sich anders: er bleibt am Caltech. Dem äussert lehrreichen ersten Jahr in den USA sollen weitere folgen. Mit der Perspektive, das Studium fortzusetzen, verändert sich auch die Lebenssituation des jungen Paares. Die Schenks suchen sich eine Wohnung off-campus und Christine, Kurt Schenks Frau, erhält gleichzeitig eine Arbeitsbewilligung, so dass sie in einem French Bakery Cafe arbeiten kann. Natürlich ergeben sich hier neue Kontakte: unter anderem  zu Stephen Rivelle (Drehbuchautor des für den Oscar nominierten Spielfilms ?Nixon?), eine Freundschaft, die bis heute andauert. Selbstverständlich wachsen die Schenks so immer mehr hinein in die amerikanische Gesellschaft.

Die nun folgende vierjährige Promotionsphase Kurt Schenks wird von Slobodan Cuk begleitet, die gemeinsame Forschungsarbeit wird intensiviert und beide besuchen regelmässig als Referenten bzw. Teilnehmer Fachkonferenzen in Japan, Australien, Vancouver, Orlando oder Saint Louis. Dabei lernt der Wissenschaftler Schenk selbstverständlich wei­tere Koryphäen auf dem Gebiet der Leistungselektronik kennen.

 

Promotion im Jahr 1998

Sichtbare Resultate der gemeinsamen Forschungsarbeit sind mehrere wissenschaftliche Beiträge, die das Duo Schenk/Cuk im Laufe der Jahre publiziert. 1998 schliesst Kurt Schenk sein Aufbaustudium mit der Promotion ab. Der Titel der zweiteiligen Dissertation lautet

·         ?Power Factor Correction Topologies and Small-Signal Modeling. I. Single-Phase and Three-Phase Power Factor Correction. II. Small Signal Analysis of Converters in Discontinuous Conduction Mode.?

Im ersten Teil der Dissertation geht es um leistungselektronische Schaltungen, die speziell dazu konzipiert sind, die bei bestimmten Anwendungen (z.B. Computer) häufig auftretenden Oberwellen im Stromversorgungsnetz zu reduzieren bzw. sogar gänzlich zu vermeiden. In diesem Teil der Arbeit entwickelt Kurt Schenk Lösungen, die deutlich einfacher sind als vergleichbare bereits bekannte Schaltungen. Im zweiten Teil der Arbeit analysiert er das dynamische Verhalten von Schaltungen aus der Leistungselektronik in einem speziellen Betriebszustand, nämlich dem discontinuous conduction mode.

 

Kalifornien wird zur neuen Heimat

Die Schenks belohnen sich nach dem erfolgreichen Ende des Aufbaustudiums zunächst einmal mit einer halben Weltreise, die ein halbes Jahr dauert, denn zuvor sind die knappen Ferien regelmässig für Reisen in die Schweiz genutzt worden. Die beiden reisen per Auto quer durch Nordmerika: Alaska, Kanada, Florida, die Ost- und die Westküste werden angesteuert und dann stehen auch noch Südamerika und Australien auf dem Programm. Die beiden Töchter, die in der Zeit nach Kurt Schenks Promotion geboren werden, beschleunigen die Integration der Schenks nochmals enorm. So wie überall auf der Welt treffen die Schenks in der Kinderspielgruppe, in der Vorschule, im Kindergarten, in der Schule und bei den Pfadfindern mit unzähligen Eltern zusammen, die ähnliche Interessen wie sie selbst verfolgen. Schenks werden in die Arbeit an der Schule involviert, sie werden Mitglied der parent teacher association und Christine Schenk wird girls scout leader. Nicht zuletzt dadurch, dass Kurt Schenk nach der Promotion in die Arbeitswelt eintritt, erweitert sich der Freundes- und Bekanntenkreis, so dass weitere amerikanische Freunde dazukommen und insgesamt die Integration in die US-amerikanische Gesellschaft ihren Lauf nimmt und Kalifornien zur neuen Heimat der Schenks wird.

 

Wissenschaftlicher und Senior Designer

1999 heuert Kurt Schenk in einer Firma an, und zwar nicht in irgendeiner Firma, sondern in der Firma, die seinem Doktorvater und wissenschaftlichen Kollegen gehört: die Firma TESLAco, die Slobodan Cuk 1978 gegründet hat und die er zu Ehren des legendären Nikola Tesla so benannt hat. TESLAco liegt gerade einmal zehn Autominuten entfernt von einem der kulturellen Brennpunkte der USA, nämlich Disneyland, und ist 1999 eine kleine Firma mit zehn Angestellten. Die Entscheidungswege sind kurz: was bei den morgendlichen Besprechungen diskutiert wird, kann noch am gleichen Tag umgesetzt werden. Cuk legt den Schwerpunkt seiner Firma auf Entwicklung und Beratung, nicht auf die Produk­tion.

Hier arbeitet der Wissenschaftler Schenk bis 2003 als Senior Design Engineer und hat die Aufsicht über das Entwicklungsteam von TESLAco; in dieser Zeit beschäftigt er sich hauptsächlich mit AC-DC und DC-DC Wandlern.

 

Japan, Taiwan und China

Die Kundschaft von TESLAco ist international und deshalb ist Kurt Schenk mindes­tens zweimal pro Jahr unterwegs, um die Kundschaft zu kontaktieren: neben US-ameri­kanischen Firmen sind es vor allem asiatische Kunden in Japan und Taiwan. Die Reisen führen aber auch oft ins Hinterland von Hongkong, denn dort lassen sowohl TESLAco als auch die Kunden TESLAcos produzieren und Kurt Schenk kann hier unmittelbar korrigierend in die Produktionsabläufe eingreifen. Natürlich realisiert er auch die Arbeitsbe­dingungen der vornehmlich jungen Arbeiter, die in der chinesischen Firma quasi kaserniert sind. Inzwi­schen expandiert TESLAco, die Zahl der Mitarbeiter wächst und damit auch die Entwicklungsabteilung.

 

"Director of Research and Development"

Ab 2003 avanciert Kurt Schenk zum Director of Research and Development ? damit verändert sich auch sein Aufgabenspektrum, denn nun kommen weitere administrative Aufgaben hinzu, unter anderem Per­sonalfragen. In Absprache mit dem Führungsteam von TESLAco eröffnet er unter anderem zwei Schweizer FH-Absolventen die Möglichkeit, bei Cuk zu arbeiten. Die Schweizer werden geschätzt, auch nicht zu­letzt wegen ihrer praxisnahen Ausbildung. Und Kurt Schenk erarbeitet sich eine weitere Kompetenz, nämlich sehr gute Kenntnisse in der Einwanderungsgesetzgebung der USA.

 

Rückkehr in die Schweiz und Dozentur am NTB

Im Jahr 2007 orientiert sich Kurt Schenk neu: er möchte nach vierzehn Jahren in den USA in die Schweiz zurückkehren und er möchte sich den Wunsch verwirklichen, als Dozent mit Studenten arbei­ten zu können. Er bewirbt sich am NTB und hat Erfolg. Seit 3. März 2008 arbeitet Kurt Schenk als Dozent an der NTB und seit November 2008 ist er Leiter des Kompetenzzentrums Photovoltaik und Energieversorgungssysteme im Institut für Energiesysteme der NTB, wobei die Aufgaben im Bereich Lehre, aber auch im Bereich Angewandte Forschung und Entwicklung liegen. Im Moment lehrt Kurt Schenk vierzehn bis sechszehn Lektionen pro Woche und zwar hauptsächlich im zweiten Studienjahr. Der neue Dozent schätzt die Übersichtlichkeit der Hochschule, denn hier lernt man schnell Leute kennen. Der Kontakt zu den Studenten ist ihm sehr wichtig; Kurt Schenk sucht das persönliche Gespräch mit den jungen Leuten und deshalb steht seine Bürotür jedem Studenten jederzeit offen.

 

Vom Englischen zum Hochdeutschen und zur Mundart

Die Rückkehr aus der neuen Heimat Kalifornien in die alte Heimat Schweiz ist geglückt. Die Familie Schenk wohnt mit ihren beiden Töchtern in Buchs. Die Mädchen hatten anfangs leichte Eingewöhnungs­schwierigkeiten und Probleme mit der Sprache, die sie allerdings erstaunlich schnell in den Griff be­kommen haben ? (allerdings ist Folgendes aus linguistischer Perspektive interessant und erwähnens­wert: wenn sich die beiden unterhalten, spricht die eine Hochdeutsch, während die andere Schweizer­deutsch redet. Kurt Schenk selbst räumt ein, dass er momentan noch ein paar Trainingseinheiten braucht, bis er wieder fliessend Hochdeutsch formulieren kann).

 

Pflege der alten Bekanntschaften in den USA

Die Kontakte weltweit und insbesondere nach Amerika existieren und werden von den Schenks über das Internet gepflegt. Es ist aber nicht nur die elektronische Post, mit der Kontakte aufrechterhalten werden, sondern Kurt Schenk kehrt gelegentlich auf Besuch zurück nach Kalifornien: Erst letzten Sep­tember besuchte er Freunde, mit denen er eine mehrtägige Tour durch die leeren Weiten der Sierra Nevada ganz in der Nähe des Fundortes der sterblichen Überreste des Milliardärs Steve Fossett unternahm: er nennt das backpacking, bei dem man Unterkunft, Essen und bärensichere Container im Gepäck haben muss. Ausserdem besitzt er ein Haus in Kalifornien, das er wegen der Immobilienkrise zunächst einmal behalten hat ? und natürlich muss er sich als Hauseigentümer um die Immobilie kümmern.

In der neuen, alten Heimat schätzt Kurt Schenk, der viele Jahre in einer Megacity gewohnt hat, die kur­zen Wege in Buchs. Als Ausgleich zum Engineering findet er ausserdem ideale Voraussetzungen für das Bergsteigen oder - wie er es auch nennt - mountaineering, und zwar in der warmen Jahreszeit mit Seil und Gletscherpi­ckel und im Winter auf den Skiern ? und das zum reinen Vergnügen.