Weissenhorn Martin

Frühe Begegnung mit der Technik

Der Einzelgänger, als den er sich in seinen frühen Jahren sieht, ist er heute nicht mehr. Martin Weisenhorn ist heute ein kommunikativer Mensch, der sehr gerne darüber berichtet, wie bei ihm schon in der Kindheit die Begeisterung für die Technik geweckt worden ist. Und so berichtet Martin Weisenhorn, der aus Südtirol, genauer aus der kleinen Ortschaft Schluderns stammt, wie es bei ihm mit der Technik angefangen hat. Sein Vater ist ein vielseitig interessierter Tischler, der ihm nicht nur zeigt wie man Holz bearbeitet sondern auch wie elektrische Stromkreise funktionieren. Einmal zeigt er ihm ein kaputtes Transistorradio aus dessen Lüftungsschlitzen es geheimnisvoll glitzert. "Zwei Bastlern ist es gelungen so etwas zu einem Funkgerät umzubauen", sagte er und er würde es ihm überlassen sobald er alt genug wäre, um etwas damit anzufangen. Damit war Martin Weisenhorns Faszination für die Funktechnik entzündet. Noch keine neun Jahre alt bekommt er ein Bastelbuch geschenkt, in dem es unter anderem um Elektronik geht. Aber die Umsetzung der im Buch beschriebenen Schaltungen gelingt ihm nicht, er versucht wieder und wieder die Schaltungen nachzubauen: vergeblich! Der Erfolg bleibt aus!

 

Erste Erfolge und Begeisterung

 

Ein Jahr später bekommt er ein neues Bastelbuch, das extra in der Buchhandlung für ihn bestellt werden muss. Als er das Buch abholt, sind ? wie er sagt ? seine Beine fast lahm vor Freude. Nach erneuten vergeblichen Versuchen gelingt ihm mit elf Jahren der Durchbruch, zum ersten Mal funktioniert ein Tongenerator, bald folgen ein Audio-Verstärker und ein Kurzwellenradio. Seine Begeisterung ist riesengross.

 

Mathematik als Lieblingsfach

 

Tatsächlich ist er in dieser Lebensphase eher ein Einzelgänger, der weniger wie die Gleichaltrigen seinen Spass am gemeinsamen Spielen hat, sondern wenn er für sich allein elektronische Schaltungen realisieren kann. Unzählige Stunden verbringt er im Keller beim Basteln, und damit geht eben auch Zeit verloren, die der Schüler für die Hausaufgaben bräuchte. Denn es läuft für Martin Weisenhorn in der Schule gar nicht rund; er kämpft in vielen Fächern, auch in Deutsch, seiner Muttersprache, klappt es nicht mit der Orthographie und in Italienisch hat er so seine Schwierigkeiten. Nur in Mathematik, dem Natur- und technikbezogenen Unterricht fliegt ihm alles zu.

 

Anfangsprobleme mit der Wahl der Schule

 

Wie soll es aber weitergehen mit dem Vierzehnjährigen? Von der Gewerbeoberschule im italienischen Bozen wird ihm abgeraten, da kämen nur Theoretiker raus und für die HTL in Österreich (über dem Brenner) erscheint er dem Vater zu jung. Als Zwischenlösung entscheidet sich Martin Weisenhorn 1987 für die Höhere Kaufmännische Lehranstalt im italienischen Mals. Er sagt in der Rückschau, er habe an den dort angebotenen Fächern keinerlei Interesse gehabt; wenn er z.B. im Fach Geschichte zur Vorbereitung für den nächste Stunde etwas lesen musste, so blieb nichts, aber auch gar nichts im Gedächtnis hängen. Auch mit den Sprachen Deutsch, Italienisch und Englisch habe er gehadert. Zu guter Letzt bricht der inzwischen Fünfzehnjährige die Schule ab. Anfangs deprimiert, hoffnungslos, ja sich wertlos fühlend, entscheidet sich Martin Weisenhorn für eine praxisorientierte Schule. Ab 1988 besucht er bis 1991 die Fachschule für Elektriker im Südtirolischen Bruneck ? er wohnt jetzt nicht mehr bei den Eltern. Hier, an der Fachschule für Elektriker, entdeckt er seine ?Liebe zur Schule?. Es läuft rund und sogar im Fach Deutsch werden seine Aufsätze für gut befunden ? ?meine Gedanken wurden nicht mehr verpönt!?

 

Schlüsselerlebnis im Schülerbus

 

Nach dieser dreijährigen Ausbildung zum Elektriker suchen Martin Weisenhorn und ein Freund von ihm nach einer weiterführenden Schule, um die Matura machen zu können. Aber beide fühlen sich an der neuen Schule nicht wohl und brechen ab. 1992 und 1993 arbeitet er im italienischen Laas als Elektriker und will seine Elektronik-Kenntnisse im Selbststudium aufbessern. Sonderbare Formelzeichen, die sich später als Symbole für das Integral oder die Laplace-Transformation entpuppen, stellen eine Grenze für neue Erkenntnisse dar. Zum Schlüsselerlebnis wird eine Busfahrt zur Arbeit, als vor ihm zwei Oberschüler sitzen, die nach allen Regeln der Kunst über das Fach Mathematik herziehen: Was gäbe der junge Elektriker, um in deren Mathematik-Unterricht dabei zu sein.

 

Der Zufall spiel Schicksal

 

Wie durch Zufall eröffnet sich ein neuer Weg: Der Besuch eines einjährigen Elektronik-Lehrgangs wird es ihm ermöglichen in die HTL für Nachrichtentechnik in Innsbruck einzusteigen. Dafür muss er eine anspruchsvolle Aufnahmeprüfung in Mathematik und Englisch ablegen.

 

Autodidaktisch erarbeitetes Grundwissen

 

Nach erfolgreichem Abschluss dieses Lehrgangs ist er im wehrdienstfähigen Alter. Er leistet Zivildienst in der Associazione Nelson Mandela per l?integrazione di extracommunitari non europei ? oder auf gut Deutsch: dem Verein für die Integration nichteuropäischer Ausländer. Der Präsident dieses Vereins namens Salvatore Falcomatá, ein aufrechter Kommunist, hatte als Jugendlicher den sehnlichsten Wunsch, als Fabrikarbeiter sein Brot zu verdienen. Später gründete er eine Genossenschaft und den Verein zur Integration nichteuropäischer Ausländer. Mit Bücherspenden wird eine Bibliothek aufgebaut, die dann ab einer bestimmten Grösse mit Fördergeldern des italienischen Staates rechnen kann. In der Bibliothek gibt es nicht so viel zu tun!  Martin Weisenhorn findet viel Zeit, durchschnittlich fünf Stunden am Tag, um sich in sein neues Lieblingsfach Mathematik tief hineinzufräsen und dann abends zu Hause seine Studien fortzusetzen. Ganz autodidaktisch erarbeitet er sich ein profundes Wissen im Fach Mathematik und legt damit das Fundament für seine weitere Ausbildung. Nebenbei erarbeitet er sich die englische Grammatik.

 

HTL für Nachrichtentechnik

 

Nach dem Zivildienst kann er in die vierte Klasse der HTL für Nachrichtentechnik in Innsbruck einsteigen. Man kann sich vorstellen, mit welchen gemischten Gefühlen Martin Weisenhorn an diese Schule geht. Denn wie ein Sportler, der monatelang allein trainiert hat und nicht weiss, wie er im Wettkampf mit den anderen abschneiden wird, so weiss der ehrgeizige Martin Weisenhorn nicht, wie leistungsstark er im Fach Mathematik nach seinem autodidaktischen Studien sein wird: im Unterricht ? wie sich rasch zeigt - wird er ganz vorn rangieren! Er besteht die Aufnahmeprüfung. 1996 schliesst er als dreiundzwanzigjähriger mit einer hervorragenden Matura ab. Nach der Matura in Österreich zieht er nochmals weiter nach Norden, und zwar nach München.

 

Von München nach Wien

 

Dort will er an der technischen Universität studieren, doch zunächst steht er vor der Wahl, ob es nun die Mathematik, die Physik oder die Elektrotechnik sein soll. Die Mathematik ist ihm zu theoretisch, die Physik erschein ihm als brotlose Kunst und so entscheidet er sich für die Elektro- und Informationstechnik. Gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin lebt er im Olympiadorf in München. Die beiden haben wenig Geld und ziehen deswegen eher selten durch die Kneipen. Martin Weisenhorn zieht es dann häufiger im Rahmen des Hochschulsportangebots ins Fitness-Studio. Nach acht Semestern in München wechselt er für ein halbes Jahr an die Technische Universität Wien, wo er 2001 seine Diplomarbeit fertig stellt.

 

Einladung von IBM in Rüschlikon

 

Danach versucht er zunächst, nach München zurückzukehren. Doch sein Professor und späterer Doktorvater Wolfgang Utschick hat Kontakte zu IBM Research in Rüschlikon bei Zürich. Er schlägt dem frisch Diplomierten vor, zu versuchen, dort in die Forschung einzusteigen und zu doktorieren. Martin Weisenhorn schickt seine Diplomarbeit nach Rüschlikon, die Einladung kommt postwendend, Flug und Hotel werden ihm bezahlt; allerdings muss er seine Diplomarbeit auf Englisch vorstellen. Nach anfänglichem Zögern entscheidet er sich, die Herausforderung anzunehmen und er wird  als so genannter Pre-Doc in der Sensor-Networks-Forschungsgruppe eingestellt. Sein Gebiet ist die Erforschung neuer, ultra-breitbandiger Verfahren zur Datenübertragung.

 

Ein Forscher als Barmann

 

Um sich in Zürich schnell sozial zu integrieren, steht er in einem der angesagtesten Clubs der Stadt, dem ?Indochine?, hinter der Theke und rührt oder schüttelt Cocktails. Es sind schrille Vögel, die den Club betreiben und was zählt, ist der Schein. Auch wenn es für ihn schwierig ist, in der etwas hermetischen Zürcher Szene Kontakte herzustellen, findet er auch hier langsam Freunde. Seine Forschungsarbeiten gehen weiter und werden von seinem Wiener und von seinem Münchener Professor, Dr. Franz Hlawatsch (Koreferent) und Dr. Wolfgang Utschick (Referent), betreut.

 

"Low-Complexity Tecniques for Ultra-Wideband Communication Systems?

 

 Im Jahr 2005 promoviert Martin Weisenhorn mit seiner Dissertation, die den Titel

 "Low-Complexity Tecniques for Ultra-Wideband Communication Systems" trägt. In dieser Arbeit beschäftigt er sich mit der Herleitung und Untersuchung von Radio-Empfängern für ultra-breitbandige Signale, deren vergleichsweise geringe Komplexität eine kommerzielle Nutzung erlaubt. Blättert man durch seine Dissertation, so wird zweierlei sichtbar, nämlich seine Leidenschaft für die Mathematik ? es wimmelt von Formeln - und seine Beschäftigung mit dem Bereich Psychologie ? den Einband der Diss. zieren Ergebnisse aus einem Maltherapie-Seminar.

 

Dank Regen zur NTB-Ausschreibung

 

Nach der Zeit bei IBM wechselt Martin Weisenhorn für ein Jahr ab 2006 zu Schmid Telecom: hier ist er für den Bau und die Entwicklung von Modems verantwortlich. Doch er wünscht sich, sein Wissen anderen vermitteln zu können. Irgendwann kommt er vom Friseur, es beginnt zu regnen, er stellt sich irgendwo unter, schlägt die Zeitung auf und findet eine NTB-Stellenausschreibung, in der ein Dozent für Elektronische Messtechnik und Signalverarbeitung gesucht wird. Er bewirbt sich und wird im Januar 2008 als Dozent im Institut mit dem damaligen Namen  Automation und Produktion eingestellt. Seitdem lehrt er Grundlagen der Elektrotechnik, Messelektronik und Signalverarbeitung. Er hat im Augenblick zirka 50 Studenten, gibt vierzehn Lektionen und betreut drei Bachelorarbeiten. Ausserdem hat er das Coaching für die Systemtechnikprojekte übernommen. Gerade in dieser Funktion kommt ihm ein zweiter Ausbildungsgang, in dem er sich gerade befindet, zugute.

 

Wie löst man erfolgreich Konflilkte?

 

Martin Weisenhorn interessiert schon immer für gesellschaftlich relevante Fragen: Welche Rolle spiele ich in der Gesellschaft? Wie funktioniert unsere Gesellschaft? Wie löst man erfolgreich Konflikte? Solche und ähnliche Fragen beschäftigen ihn. Er hat während seiner Rüschlikoner Zeit mehrere Seminare am Zentrum für Hochschuldidaktik in Zürich besucht. Im Jahr 2006 folgte eine Ausbildung in Friedensarbeit und Konfliktlösung. Seit 2007 macht er eine Ausbildung am Zürcher Institut für Prozessorientierte Psychologie, die ? so Martin Weisenhorn ? über ein weiteres, sehr sensibles Repertoire zur Konfliktlösung verfügt. Das Institut ist gerade einmal fünf Tramminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Martin Weisenhorn ist einmal im Monat von Freitag bis Sonntag dort auf Fortbildung. Unter anderem absolviert er eine Lehrtherapie und nimmt Supervisionsstunden. Die Grundausbildung dauert zwei Jahre und führt in weiteren drei Jahren zu einem Abschluss in  z.B. Organisationsentwicklung.

 

?Warum Gesellschaften überleben oder untergehen?

 

Im Moment wohnt Martin Weisenhorn in Sevelen. Er hält sich mit dem Moutainbike fit, dreimal in der Woche geht er ins Fitness-Studio, im Sommer geht er schwimmen und diesen Januar ist er nach zweiundzwanzig Jahren das erste Mal wieder Ski gefahren. In seiner Freizeit liest er auch gern, wobei das dann weniger Belletristik ist; auf dem Programm stehen eher Titel aus den Themenbereichen Psychologie, Technik, Wirtschaft und Kultur, weshalb er auch gerne den Semesterapparat für das Fach Allgemeiner Kultureller Kontext nutzt. Auch seine momentane Lektüre stammt aus dem Semesterapparat  ? und da sind es wieder gesellschaftliche Fragen, mit denen sich Martin Weisenhorn beschäftigt. Es ist Jared Diamonds spannende Arbeit ?Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen?.